Veröffentlicht am März 12, 2024

Zusammenfassend:

  • Die Vermeidung von Leerverkäufen erfordert eine Event-Driven Architecture, um Latenz-bedingte Race Conditions zu eliminieren.
  • Eine Headless-Architektur entkoppelt das Frontend vom Backend und ermöglicht die schnelle Anbindung neuer Kanäle über eine zentrale API.
  • Die Trennung von operativen Daten im ERP und Marketingdaten in einem PIM-System (Product Information Management) ist entscheidend für die Datenhoheit und Skalierbarkeit.
  • Statt monolithischer „Big Bang“-Migrationen minimiert der schrittweise „Strangler Fig“-Ansatz das Risiko bei der Modernisierung von Legacy-Systemen.

Ein Kunde legt das letzte verfügbare Paar Schuhe im Online-Shop in den Warenkorb, während es an der Kasse in der Filiale gerade über den Scanner gezogen wird. Beide Systeme melden „Verkauf erfolgreich“. Das Ergebnis ist ein Leerverkauf, ein enttäuschter Online-Kunde und ein manueller Korrekturprozess. Dieses Szenario ist die alltägliche Realität vieler Händler, die versuchen, physische und digitale Kanäle zu verbinden. Die meisten Lösungsansätze konzentrieren sich auf die Wahl des richtigen ERP-Systems oder die Optimierung von Schnittstellen, was zwar wichtig, aber oft nur ein Pflaster auf einer tieferliegenden Wunde ist.

Die gängige Praxis, alle paar Minuten einen Batch-Abgleich zwischen Warenwirtschaft und Webshop laufen zu lassen, ist in der heutigen Echtzeit-Ökonomie nicht mehr tragfähig. Es werden zwar Daten ausgetauscht, doch die systembedingte Latenz schafft genau die Zeitfenster, in denen Dateninkonsistenzen entstehen. Das Problem liegt also nicht nur in der Datenübertragung selbst, sondern in der zugrundeliegenden, oft monolithischen und starren Systemarchitektur, die für eine sequenzielle, nicht für eine parallele Welt gebaut wurde.

Was aber, wenn die wahre Lösung nicht in schnelleren, sondern in intelligenteren, entkoppelten Systemen liegt? Dieser Artikel durchbricht die traditionelle Sichtweise und beleuchtet das Thema aus der Perspektive eines System-Architekten. Der Fokus liegt auf der strategischen Entkopplung von Daten, Logik und Prozessen. Wir werden analysieren, warum eine Event-Driven Architecture unerlässlich ist, wie eine Headless-Struktur die Flexibilität maximiert und wieso die klare Trennung der Datenhoheit zwischen PIM und ERP das Fundament für eine skalierbare Omnichannel-Strategie bildet.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die technischen Kernprinzipien einer robusten Omnichannel-Synchronisation. Wir analysieren die architektonischen Entscheidungen, die den Unterschied zwischen ständiger Fehlerbehebung und einem resilienten, zukunftssicheren System ausmachen. Die folgenden Abschnitte bieten konkrete technische Lösungsansätze für die häufigsten Synchronisationsprobleme.

Wie verhindern Sie Leerverkäufe im Online-Shop durch langsame Schnittstellen?

Leerverkäufe sind selten das Resultat eines einzelnen Fehlers, sondern meist das Symptom eines architektonischen Problems: einer sogenannten Race Condition. Dieses Phänomen tritt auf, wenn zwei oder mehr Prozesse (z.B. der Online-Checkout und das Kassensystem im Laden) fast gleichzeitig auf dieselbe Ressource – den Lagerbestand des letzten Artikels – zugreifen. Wenn die Synchronisation nicht in echter Echtzeit, sondern über zeitversetzte API-Calls oder Batch-Jobs erfolgt, entsteht ein kritisches Zeitfenster. Das System, das als zweites die Bestandsänderung schreibt, überschreibt die Information des ersten, ohne dessen Transaktion zu kennen. Das Ergebnis: Der Bestand wird fälschlicherweise als noch verfügbar angezeigt.

Die traditionelle Lösung, die Abfrageintervalle zu verkürzen, erhöht nur die Systemlast, ohne das Grundproblem der Latenz zu lösen. Eine robustere Architektur setzt auf ein Event-Driven Design. Statt dass Systeme aktiv nach Bestandsänderungen fragen (Polling), sendet das System, in dem die Änderung stattfindet (z.B. das ERP nach einem Kassenverkauf), ein „Event“ (Ereignis) an einen zentralen Verteiler, eine sogenannte Message Queue (z.B. RabbitMQ oder AWS SQS). Alle angebundenen Systeme, wie der Online-Shop, abonnieren diese Events und aktualisieren ihren eigenen Status asynchron. Dies eliminiert die Race Condition, da die Aktionen sequenziell in der Reihenfolge ihres Eintreffens verarbeitet werden.

Zusätzlich schafft die Implementierung eines Safety Stock Buffers eine weitere Sicherheitsebene. Dabei wird ein Artikel im Frontend bereits als „ausverkauft“ markiert, wenn noch ein kleiner Pufferbestand (z.B. 1-2 Stück) physisch vorhanden ist. Dies kompensiert unvorhergesehene Latenzen oder Inventurdifferenzen. Die Anzeige der Echtzeit-Verfügbarkeit ist mittlerweile ein entscheidender Faktor für die Kundenzufriedenheit. Eine Studie des EHI Retail Institute zeigt, dass bereits 76,1 % der deutschen Omnichannel-Händler die Verfügbarkeitsanzeige als Standard-Service anbieten, was den Druck auf eine präzise Bestandsführung weiter erhöht.

Ihr Audit-Plan: Schwachstellen in der Bestandssynchronisation aufdecken

  1. Punkte der Interaktion: Listen Sie alle Systeme auf, die Bestandsdaten senden oder empfangen (Kassensystem/POS, ERP, Webshop-Backend, mobile Apps, Marktplatz-Anbindungen).
  2. Datenerfassung: Inventarisieren Sie die Latenzzeiten bestehender Schnittstellen (durchschnittliche und maximale Verzögerung) und analysieren Sie die Fehlerprotokolle der letzten 30 Tage auf fehlgeschlagene Updates.
  3. Konsistenzprüfung: Führen Sie einen Abgleich der Datenmodelle durch. Werden Artikelnummern (SKUs), Preisinformationen und Attribute (Grösse, Farbe) in allen Systemen identisch interpretiert und verarbeitet?
  4. Fehlertoleranz & Skalierbarkeit: Identifizieren Sie potenzielle „Single Points of Failure“ in Ihrer Architektur. Was passiert, wenn die zentrale API oder das ERP kurzzeitig nicht erreichbar ist? Gibt es redundante Pfade oder Caching-Mechanismen?
  5. Integrationsplan: Priorisieren Sie die notwendigen Umbauten. Definieren Sie einen klaren Plan für den Übergang von einer Batch-basierten zu einer Event-Driven Architektur, inklusive Test- und Rollback-Szenarien.

Die Umstellung auf eine Event-basierte Architektur ist somit keine reine Optimierung, sondern ein fundamentaler Paradigmenwechsel, der die Stabilität des gesamten Omnichannel-Ökosystems sicherstellt.

Warum sollten Sie Frontend und Backend trennen, um neue Kanäle schneller zu bespielen?

Traditionelle E-Commerce-Plattformen sind oft monolithisch: Das Frontend (was der Kunde sieht) und das Backend (wo die Geschäftslogik, Bestände und Preise verwaltet werden) sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn Sie einen neuen Verkaufskanal – sei es eine mobile App, ein Social-Commerce-Feed auf TikTok oder ein In-Store-Kiosk – hinzufügen möchten, muss oft die gesamte Plattform angepasst werden. Dies ist langsam, teuer und riskant. Die Lösung liegt in der architektonischen Entkopplung durch einen Headless-Commerce-Ansatz. Dabei wird das Backend zu einem reinen Daten- und Service-Lieferanten, der seine Funktionen über eine zentrale Schnittstelle (API) bereitstellt.

Das „Headless“-Backend weiss nichts über die Darstellungsebene; es liefert einfach nur Produktdaten, Bestände oder nimmt Bestellungen entgegen. Die verschiedenen Frontends (der „Kopf“ oder „Head“), wie der Webshop, die App oder der Kiosk, sind unabhängige Anwendungen, die sich die benötigten Daten von derselben API holen. Dieses Modell bietet immense Agilität. Ein neues Frontend für einen aufkommenden Kanal kann schnell entwickelt und an die bestehende API angebunden werden, ohne das Kernsystem anzufassen. Prognosen zeigen, dass der Markt für Headless Commerce bis 2032 voraussichtlich auf 3,8 Milliarden US-Dollar anwachsen wird, was die strategische Bedeutung dieses Ansatzes unterstreicht.

Abstrakte Darstellung einer API-Gateway-Architektur mit verschiedenen Kanälen

Wie das Schaubild andeutet, fungiert das API-Gateway als zentraler Verteiler. Jeder Kanal greift auf dieselbe standardisierte Logik und dieselben Daten zu, was die Konsistenz über alle Touchpoints hinweg garantiert. Ein Paradebeispiel für die erfolgreiche Umsetzung ist Kapten & Son. Durch die Umstellung auf eine MACH-zertifizierte (Microservices, API-first, Cloud-native, Headless) Plattform konnten sie nicht nur neue Services wie Click & Collect effizient implementieren, sondern auch die Produktivität im Kundenservice signifikant steigern, da alle Informationen kanalübergreifend konsistent waren.

Letztendlich verwandelt die Trennung von Frontend und Backend Ihr E-Commerce-System von einem starren Monolithen in ein flexibles, modulares Ökosystem, das sich schnell an neue Marktchancen anpassen kann.

Wie verwalten Sie 50.000 Artikeldaten für 5 Kanäle ohne Excel-Chaos?

Wenn ein Unternehmen wächst und mehrere Kanäle bespielt, explodiert die Komplexität der Produktdaten. Für den Webshop benötigen Sie hochauflösende Bilder und SEO-Texte, für den Marktplatz spezifische Attribut-Sets und für die mobile App kürzere, prägnante Beschreibungen. Der Versuch, diese Vielfalt in Excel-Listen oder direkt im ERP-System zu verwalten, führt unweigerlich zu Chaos, Inkonsistenzen und enormem manuellen Aufwand. Das ERP ist für operative Daten (Bestand, Preis, Standort) konzipiert, nicht für reichhaltige Marketing- und Content-Daten. Die Lösung liegt in der Etablierung einer klaren Datenhoheit durch den Einsatz eines Product Information Management (PIM)-Systems.

Ein PIM-System fungiert als „Single Source of Truth“ für alle produktbezogenen Marketing- und Vertriebsinformationen. Hier werden beschreibende Daten wie Texte, Bilder, Videos, technische Datenblätter und Attribute zentral gepflegt, angereichert und für jeden Kanal optimiert. Das ERP bleibt weiterhin der Master für operative Kerndaten. Diese strikte Trennung ist, wie Vanessa Stützle, Head of Marketing bei Actindo, betont, von entscheidender Bedeutung:

Die strikte Trennung von Marketingdaten im PIM und operativen Daten im ERP ist essentiell, um Chaos und schlechte Performance zu vermeiden.

– Vanessa Stützle, Head of Marketing, Actindo

Diese Trennung ermöglicht es Marketingteams, Content unabhängig von der IT zu pflegen, während das ERP-System schlank und performant für seine Kernaufgaben bleibt. Die Daten aus PIM und ERP werden dann in der Regel über einen DataHub oder eine Middleware-Schicht zusammengeführt und an die jeweiligen Kanal-Frontends ausgespielt. Die folgende Tabelle verdeutlicht die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Systeme:

PIM vs. ERP: Datentypen im Vergleich
System Datentyp Beispiele Hauptzweck
PIM Beschreibende Daten Texte, Bilder, Attribute Marketing & Content
ERP Operative Daten Bestand, Preise, Standorte Zahlen & Zustände
DataHub Konsolidierte Streams Personalisierte Angebote Kanalübergreifende Ausgabe

Durch die Einführung eines PIM-Systems wird die Datenverwaltung von einer reaktiven Fehlerkorrektur zu einem proaktiven, strategischen Prozess, der die Grundlage für eine konsistente und hochwertige Customer Experience über alle Kanäle hinweg bildet.

Wie verhindern Sie, dass Ihr Shop abstürzt, wenn die TV-Werbung läuft?

Ein Werbespot in der Primetime kann den Traffic auf einem Online-Shop binnen Sekunden um das Tausendfache erhöhen. Eine traditionelle, auf einem einzigen Server gehostete E-Commerce-Anwendung wird unter dieser Last unweigerlich zusammenbrechen. Das Resultat: Ein teuer erkaufter Marketing-Impuls verpufft, weil die technische Infrastruktur nicht mithalten kann. Die Fähigkeit, auf solche Lastspitzen elastisch zu reagieren, ist eine Kernanforderung an moderne Systemarchitekturen. Die Lösung liegt in einer Kombination aus Cloud-nativer Infrastruktur und einer intelligenten Caching-Strategie.

Cloud-Plattformen wie AWS, Google Cloud oder Azure ermöglichen automatisches Skalieren (Auto-Scaling). Anstatt permanent teure Serverkapazitäten für den Peak-Fall vorzuhalten, werden bei steigender Last automatisch weitere virtuelle Serverinstanzen hochgefahren und über einen Load Balancer verteilt. Sobald der Traffic nachlässt, werden diese Instanzen wieder abgeschaltet, wodurch Kosten optimiert werden. Diese Elastizität ist das technische Rückgrat für kampagnengetriebenes Marketing.

Cloud-Infrastruktur mit automatischer Skalierung bei Lastspitzen

Parallel dazu ist eine mehrstufige Caching-Strategie unerlässlich, um die Datenbank und das Backend zu entlasten. Auf der äussersten Ebene kann ein Content Delivery Network (CDN) statische Inhalte wie Bilder, CSS-Dateien und sogar bestimmte API-Antworten geografisch nah am Nutzer zwischenspeichern. Ein Reverse-Proxy wie Varnish kann zusätzlich dynamisch generierte Seiten für kurze Zeit im Cache halten. Eine besonders kritische Funktion ist die Warenkorb-Reservierung: Legt ein Kunde einen Artikel in den Warenkorb, wird dieser Bestand für eine kurze Zeit (z.B. 10-15 Minuten) blockiert, um Leerverkäufe während des Checkouts bei hoher Nachfrage zu verhindern. Omnichannel-Services können die Last zusätzlich verteilen. Laut einer Studie von Google und dem HDE erwarten 92 % der Verbraucher Services wie Click & Collect, was nicht nur ein Kundenservice ist, sondern auch die Logistik und die Serverlast im reinen E-Commerce entlasten kann.

Eine robuste, skalierbare Architektur ist somit keine reine IT-Angelegenheit, sondern eine strategische Investition, die sicherstellt, dass Marketing-Investitionen nicht an technischen Hürden scheitern.

Warum brechen 60 % der mobilen Nutzer im Checkout ab und wie beheben Sie das?

Selbst wenn die Backend-Architektur perfekt skaliert und die Daten konsistent sind, kann der Erfolg am letzten, entscheidenden Punkt scheitern: dem mobilen Checkout. Hohe Abbruchraten auf mobilen Geräten sind oft auf eine schlechte User Experience zurückzuführen. Lange Ladezeiten, komplizierte Formulare, die umständliche Eingabe von Adress- und Zahlungsdaten und ein Mangel an Vertrauen sind die Hauptgründe. Aus technischer Sicht bedeutet dies, dass das Frontend nicht für die Nutzung auf kleinen Bildschirmen und mit potenziell langsameren Netzverbindungen optimiert ist. Die Lösung erfordert einen Fokus auf Performance-Optimierung und die Reduzierung von Reibungspunkten.

Ein entscheidender Hebel ist die Implementierung von Express-Checkout-Optionen wie PayPal Express, Apple Pay oder Google Pay. Diese Dienste ermöglichen es dem Kunden, den Kauf mit nur wenigen Klicks abzuschliessen, da Adress- und Zahlungsdaten bereits sicher hinterlegt sind. Dies reduziert die Anzahl der auszufüllenden Formularfelder drastisch und erhöht das Vertrauen, da die Transaktion über einen bekannten Anbieter abgewickelt wird. Technisch bedeutet dies die Integration der entsprechenden APIs in den Checkout-Prozess, was in einer Headless-Architektur besonders flexibel möglich ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Brücke zwischen Online- und Offline-Welt. Services wie „Buy Online, Pick up in Store“ (BOPS) oder „Click & Collect“ bieten dem mobilen Nutzer eine bequeme Alternative zur Lieferung. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist MediaMarkt, ausgezeichnet in der Google Omnichannel Excellence Study. Das Unternehmen kombiniert Express-Checkout-Optionen mit Services wie einem Drive-in-Schalter und separaten Abholbereichen in den Märkten. QR-Codes auf der Verkaufsfläche schaffen zudem eine direkte Verbindung vom physischen Produkt zur Online-Information, was das mobile Erlebnis im Laden verbessert und die Grenzen zwischen den Kanälen auflöst.

Fallstudie: MediaMarkts Express-Checkout-Erfolg

MediaMarkt wurde in der Google Omnichannel Excellence Study 2024 als führender Händler ausgezeichnet. Durch die konsequente Integration von Express-Checkout-Optionen, die mit physischen Services wie einem Drive-in-Service und separaten Click-and-Collect-Bereichen kombiniert wurden, konnte das Unternehmen die mobile Conversion-Rate signifikant steigern. QR-Codes auf der Verkaufsfläche dienen als Brücke zwischen dem Online-Angebot und dem Erlebnis im Markt, was die mobile Customer Journey nahtlos gestaltet.

Die Reduzierung der mobilen Abbruchrate ist somit keine Frage des Designs allein, sondern das Ergebnis einer technischen Strategie, die auf Geschwindigkeit, Einfachheit und die intelligente Verknüpfung von digitalen und physischen Services setzt.

Warum nerven Sie Kunden mit Werbung für Produkte, die sie gestern schon gekauft haben?

Ein Kunde kauft einen neuen Fernseher im Laden. Am nächsten Tag wird ihm genau dieser Fernseher in einer Retargeting-Anzeige auf Facebook prominent angeboten. Dieses Szenario ist nicht nur ineffizient, sondern erzeugt beim Kunden den Eindruck, dass das Unternehmen ihn nicht kennt. Das Problem liegt in der zeitverzögerten oder nicht vorhandenen Synchronisation von Transaktionsdaten zwischen dem Point of Sale (POS) oder ERP-System und den Marketing-Plattformen. Die Marketing-Abteilung operiert in einem Datensilo, losgelöst von den Echtzeit-Ereignissen der anderen Kanäle.

Die technische Lösung zur Überwindung dieses Silos ist die Implementierung einer Customer Data Platform (CDP). Eine CDP fungiert als zentrales Nervensystem für alle Kundendaten. Sie sammelt Daten aus verschiedensten Quellen – Website-Klicks, App-Nutzung, Käufe aus dem ERP, Interaktionen aus dem CRM – und führt sie zu einem einheitlichen 360-Grad-Kundenprofil zusammen. Der entscheidende Punkt ist die Fähigkeit einer CDP, diese Daten in Echtzeit zu verarbeiten und zu segmentieren.

Um das Retargeting-Problem zu lösen, muss ein Echtzeit-Webhook zwischen dem Order Management System (OMS) oder ERP und der CDP eingerichtet werden. Sobald ein Kauf abgeschlossen ist – egal in welchem Kanal –, sendet das System ein Event an die CDP. Die CDP aktualisiert sofort das Kundenprofil und verschiebt den Kunden aus der Retargeting-Zielgruppe für das gekaufte Produkt in eine sogenannte „Exclusion Audience“. Gleichzeitig kann der Kunde in eine neue Zielgruppe für Cross-Selling-Kampagnen (z.B. „Kunden, die Fernseher X gekauft haben“) verschoben werden, um ihm passende Produkte wie eine Soundbar oder eine Wandhalterung anzubieten. Dies verwandelt eine potenziell nervige Anzeige in einen relevanten und hilfreichen Service.

Letztendlich geht es darum, die Omnichannel-Strategie über den reinen Verkauf hinaus zu denken. Eine echtzeitfähige CDP stellt sicher, dass die Kommunikation mit dem Kunden nach dem Kauf genauso intelligent und kontextbezogen ist wie davor.

Wie migrieren Sie ein ERP-System: Big Bang oder schrittweise Ablösung?

Die Modernisierung eines veralteten, monolithischen ERP-Systems ist eines der riskantesten und komplexesten Projekte in der IT. Die traditionelle Methode ist der „Big Bang“-Ansatz: An einem Stichtag wird das alte System abgeschaltet und das neue in Betrieb genommen. Dieser Ansatz birgt ein enormes Risiko. Wenn das neue System unerwartete Probleme aufweist, kann der gesamte Geschäftsbetrieb zum Erliegen kommen – von der Bestellannahme bis zur Logistik. Für komplexe, über Jahre gewachsene Legacy-Systeme ist dieser Ansatz oft untragbar.

Eine modernere, risikoärmere Alternative ist der Strangler Fig Pattern (Würgefeigen-Muster) Ansatz. Der Name leitet sich von einer Feigenart ab, die auf einem anderen Baum wächst, ihn langsam umschlingt und schliesslich ersetzt. Übertragen auf die IT-Architektur bedeutet dies, dass man das neue, moderne System schrittweise um das alte herum aufbaut. Anstatt alles auf einmal zu ersetzen, werden einzelne Funktionalitäten (Module) des Altsystems identifiziert und durch neue Microservices ersetzt. Ein sogenannter „Façade“-Router leitet die Anfragen entweder an das neue Modul oder, falls noch nicht migriert, an das alte Legacy-System weiter. Mit der Zeit „erwürgt“ die neue Architektur die alte, bis diese vollständig abgeschaltet werden kann.

Dieser schrittweise Ansatz hat mehrere Vorteile. Das Risiko wird auf kleine, überschaubare Inkremente verteilt. Das Team kann mit jedem neuen Service lernen und Erfahrungen sammeln. Neue Technologien und Architekturen, wie Headless-Systeme, können schrittweise eingeführt werden. Tatsächlich geben 61 % der Einzelhändler an, dass sie planen, ihre Systeme in Richtung Headless zu integrieren, was oft am besten über einen schrittweisen Ansatz gelingt. Die folgende Tabelle fasst die beiden Ansätze zusammen:

Big Bang vs. Strangler Fig Migration
Ansatz Risiko Zeitrahmen Kosten Empfehlung
Big Bang Hoch (Totalausfall möglich) 3-6 Monate Einmalig hoch Für kleine, überschaubare Systeme
Strangler Fig Niedrig (schrittweise) 12-24 Monate Verteilt Für komplexe Legacy-Systeme

Die Entscheidung für oder gegen einen Big Bang ist somit weniger eine technische als eine strategische. Für komplexe Omnichannel-Systeme bietet der Strangler-Fig-Ansatz einen pragmatischen und kontrollierten Weg in die Zukunft, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Architektur vor Tooling: Die Wahl einer Event-Driven und Headless-Architektur ist fundamentaler als die Wahl eines spezifischen ERP-Systems, um Latenz und Datensilos zu vermeiden.
  • Datenhoheit etablieren: Eine strikte Trennung zwischen operativen Daten (ERP) und Marketing-Content (PIM) ist die Voraussetzung für skalierbare und wartbare Systeme.
  • Risikominimierung bei Migration: Der schrittweise „Strangler Fig“-Ansatz ist für die Modernisierung komplexer Legacy-Systeme dem risikoreichen „Big Bang“-Ansatz vorzuziehen.

Wie verhindern Sie, dass Ihr Online-Shop Ihre Filialpartner verärgert?

Die Einführung eines Online-Shops wird von vielen stationären Händlern oder Franchisepartnern oft als direkte Konkurrenz wahrgenommen – eine Kannibalisierung des eigenen Geschäfts. Diese interne Reibung kann eine vielversprechende Omnichannel-Strategie von innen heraus sabotieren. Um dies zu verhindern, muss die Architektur so gestaltet sein, dass sie die Filialen nicht umgeht, sondern sie aktiv integriert und zu Profiteuren der digitalen Transformation macht. Das Ziel ist es, den Online-Kanal als Frequenzbringer für die Filialen zu nutzen, nicht als deren Ersatz.

Technologien wie Ship-from-Store oder Click & Reserve sind hierfür entscheidend. Bei Ship-from-Store wird eine Online-Bestellung nicht aus einem Zentrallager, sondern aus der nächstgelegenen Filiale mit verfügbarem Bestand versendet. Dies beschleunigt die Lieferung, senkt die Logistikkosten und beteiligt die Filiale direkt am Online-Umsatz. Click & Reserve ermöglicht es Kunden, einen Artikel online zu reservieren und ihn in der Filiale anzuprobieren und zu kaufen. In beiden Fällen wird der Online-Shop zu einem Werkzeug, das Kunden in die Läden bringt. Prognosen gehen davon aus, dass 32 % aller Handelsumsätze im Jahr 2024 im kanalübergreifenden Einzelhandel entstehen, was die enorme wirtschaftliche Bedeutung dieser Integration unterstreicht.

Ein führendes Beispiel für eine gelungene Filialintegration ist Breuninger. Das Unternehmen erreichte den zweiten Platz in der Google Omnichannel Excellence Study, indem es konsequent auf die Stärkung der Filialen setzte. Kunden sehen online transparent die Verfügbarkeiten sowohl im Online-Shop als auch in den einzelnen Häusern. Services wie Click & Collect oder eine 24-Stunden-Lieferung aus den Filialen machen den stationären Handel zu einem integralen und unverzichtbaren Teil des digitalen Erlebnisses. Dies schafft eine Win-Win-Situation: Der Kunde erhält mehr Flexibilität und Service, und die Filiale profitiert von zusätzlicher Frequenz und Umsatz.

Die erfolgreiche Integration aller Partner und Kanäle schliesst den Kreis der Omnichannel-Architektur. Es ist hilfreich, sich die fundamentalen Prinzipien der Entkopplung, wie sie am Anfang dieses Leitfadens beschrieben wurden, noch einmal vor Augen zu führen, da sie die Basis für all diese Services bilden.

Die technische Architektur muss also nicht nur Daten synchronisieren, sondern auch Anreizsysteme schaffen. Indem Sie Ihre Filialpartner zu einem Kernbestandteil Ihrer E-Commerce-Logik machen, wandeln Sie potenzielle Konflikte in eine starke, kanalübergreifende Partnerschaft um.

Geschrieben von Sarah Linne, Enterprise IT-Architektin und Beraterin für digitale Transformation. Sie hilft Unternehmen seit über 10 Jahren dabei, Legacy-Systeme zu modernisieren, ERP-Migrationen zu steuern und datengetriebene Entscheidungswege zu implementieren.