Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die Kontrolle über Ihre Unternehmensstory gewinnen Sie nicht in der Krise, sondern davor. Der Schlüssel liegt im Aufbau von „Narrativem Kapital“.

  • Glaubwürdigkeit wird durch verdiente Medien (Earned Media) aufgebaut, nicht durch gekaufte Werbung.
  • Authentische Mitarbeiterbotschafter und ein präsenter CEO sind Ihre stärksten Verteidigungslinien.

Empfehlung: Konzentrieren Sie Ihre Ressourcen nicht auf reaktive Verteidigung, sondern auf die proaktive „narrative Impfung“ Ihrer Marke durch strategisches Content-Marketing und den Aufbau interner Botschafter.

In einer Medienlandschaft, in der jeder Tweet eine Lawine auslösen kann, ist die Vorstellung, die „Kontrolle über die Story“ zu behalten, für viele Pressesprecher zu einem fast unerreichbaren Ideal geworden. Die Zahl der kommunikativen Krisenfälle hat sich im deutschsprachigen Raum dramatisch erhöht; eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt einen Anstieg um fast 75 Prozent in den letzten 30 Jahren. Angesichts dieser Realität verfallen viele Unternehmen in eine reaktive Haltung: Sie rüsten Krisenstäbe auf, optimieren Monitoring-Tools und trainieren schnelle Reaktionen.

Diese Massnahmen sind notwendig, aber sie behandeln nur die Symptome. Sie setzen erst an, wenn der Schaden bereits entsteht – wenn die negative Erzählung bereits an Fahrt gewinnt und die Deutungshoheit verloren gegangen ist. Der gängige Rat, in der Krise „schnell, transparent und ehrlich“ zu sein, ist zwar korrekt, aber er ist eine Notfallmassnahme auf verlorenem Posten. Er ignoriert die entscheidende Frage: Auf welchem Fundament ruht Ihre Kommunikation in diesem Moment?

Doch was wäre, wenn die eigentliche Kontrolle nicht in der Geschwindigkeit der Reaktion liegt, sondern in der Stärke der Position, aus der heraus Sie reagieren? Dieser Artikel bricht mit dem reaktiven Paradigma. Wir stellen ein mächtiges Konzept vor: das Narrative Kapital. Dies ist die Summe aller strategischen Kommunikations-Assets – von der Glaubwürdigkeit Ihrer Führungskräfte über die Authentizität Ihrer Mitarbeiter bis hin zu einem Arsenal an präventiv platzierten Inhalten. Es ist ein Puffer, der den ersten Aufprall einer Krise abfedert und Ihnen den entscheidenden Handlungsspielraum sichert.

Wir werden untersuchen, wie Sie dieses Kapital systematisch aufbauen, den Wert von PR gegenüber der Geschäftsführung beweisen und Ihre wichtigsten Stakeholder zu aktiven Verteidigern Ihrer Marke machen. Es geht darum, das Spielfeld zu Ihren Gunsten zu gestalten, lange bevor der Anpfiff zur Krise ertönt.

Dieser Leitfaden ist in acht strategische Bereiche gegliedert, die Ihnen zeigen, wie Sie von einer reaktiven Verteidigungshaltung zu proaktiver Narrative-Gestaltung übergehen. Jeder Abschnitt liefert praxisnahe Taktiken, um Ihr narratives Kapital zu stärken und Ihre Organisation krisenfester zu machen.

Wie beweisen Sie der Geschäftsführung, dass ein Zeitungsartikel Umsatz bringt?

Für die Geschäftsführung zählen harte Zahlen. Public Relations wird oft als „weicher“ Faktor abgetan, dessen Return on Investment (ROI) schwer fassbar ist. Doch diese Wahrnehmung ist überholt. Der Wert von PR manifestiert sich nicht immer direkt in Verkaufszahlen, sondern im Aufbau von Narrativem Kapital, das sich sehr wohl in monetären Vorteilen niederschlägt. Anstatt sich auf vage Metriken wie „Reichweite“ oder „Anzeigenäquivalenzwert“ zu verlassen, müssen PR-Manager die Sprache des Business sprechen. Das bedeutet, die Verbindung zwischen positiver Berichterstattung und konkreten Geschäftszielen herzustellen.

Der erste Schritt ist, den Fokus von direkter Attribution zu strategischer Korrelation zu verschieben. Ein positiver Fachartikel über Ihre Innovationskultur wird vielleicht nicht sofort ein Produkt verkaufen, aber er kann den Cost-per-Hire für Ingenieure senken, weil sich Top-Talente aktiv bei Ihnen bewerben. Eine positive Erwähnung in der Wirtschaftspresse kann die Unternehmensbewertung bei der nächsten Finanzierungsrunde verbessern oder zu günstigeren Kreditkonditionen führen. Obwohl die PR-Branche in Deutschland 2024 ein moderates Umsatzwachstum von 2,5 % verzeichnete, liegt ihr wahrer Wert in diesen indirekten, aber höchst lukrativen Effekten.

Um dies zu beweisen, müssen Sie über traditionelle Clippings hinausdenken. Entwickeln Sie Metriken, die diesen strategischen Wert sichtbar machen:

  • Krisenvermeidungswert: Modellieren Sie die potenziellen Kosten einer Krise, die durch proaktive PR verhindert wurde. Was hätte ein Reputationsschaden für den Aktienkurs, die Kundenabwanderung oder regulatorische Strafen bedeutet?
  • Narrative Equity Score: Messen Sie die Korrelation zwischen der Tonalität Ihrer Markenerzählung in den Medien und der Länge des Verkaufszyklus. Oftmals führt eine starke, positive Narrative zu schnelleren Kaufentscheidungen.
  • Sekundärmetriken kartieren: Verfolgen Sie systematisch die Auswirkungen von PR-Massnahmen auf Kennzahlen aus anderen Abteilungen wie HR (Bewerberqualität), Finanzen (Kreditrating) und Vertrieb (Lead-Qualität).

Indem Sie diese Zusammenhänge aufzeigen, verwandeln Sie PR von einem „nice-to-have“-Kostenfaktor in einen nachweisbaren Treiber des Unternehmenswerts. Sie beweisen, dass ein Zeitungsartikel nicht nur Tinte auf Papier ist, sondern eine Investition in die finanzielle Resilienz und das Wachstum des Unternehmens.

Gekauft oder verdient: Warum glaubt der Kunde einem Artikel mehr als einer Anzeige?

Die Antwort auf diese Frage ist der Kern des gesamten PR-Handwerks und der Grundpfeiler des narrativen Kapitals: die Glaubwürdigkeits-Arbitrage. Während eine Anzeige (Paid Media) und ein redaktioneller Artikel (Earned Media) dasselbe Produkt bewerben können, durchlaufen sie im Kopf des Lesers völlig unterschiedliche Verarbeitungsprozesse. Eine Anzeige wird sofort als das erkannt, was sie ist: eine bezahlte Verkaufsbotschaft. Dies aktiviert eine natürliche Skepsis – eine „mentale Werbeblockade“. Der Leser weiss, dass der Absender ein kommerzielles Interesse hat, und filtert die Botschaft entsprechend.

Ein redaktioneller Artikel hingegen profitiert von der sogenannten Third-Party Credibility. Die Botschaft wird nicht direkt vom Unternehmen gesendet, sondern von einer als neutral und objektiv wahrgenommenen dritten Instanz – dem Journalisten und dem Medium. Diese redaktionelle Prüfung fungiert als Qualitätsfilter. Der Leser geht davon aus, dass das Thema eine Relevanzschwelle überschritten hat, um es überhaupt in die Berichterstattung zu schaffen. Dieser Effekt ist so stark, dass selbst in einer Zeit, in der die Gesamteinnahmen der Zeitungen in Deutschland 2023 bei rund 6,7 Milliarden Euro lagen und Printauflagen sinken, das inhaltliche Vertrauen in etablierte Medienmarken hoch bleibt.

Ein weiterer, subtiler Faktor ist der Signaling Cost. Eine Anzeige zu schalten, erfordert nur Geld. Einen Journalisten davon zu überzeugen, eine Geschichte zu schreiben, erfordert eine wirklich gute Story, Relevanz, Neuigkeitswert und oft erhebliche Anstrengungen. Dieser hohe (nicht-monetäre) Aufwand signalisiert dem kundigen Leser unbewusst einen höheren Wert des Inhalts. Schliesslich überträgt sich die Reputation des Mediums auf das besprochene Unternehmen – ein Phänomen, das als Halo-Effekt bekannt ist. Eine Erwähnung in einer renommierten Fachzeitschrift strahlt Kompetenz und Seriosität aus, die mit keiner Anzeige gekauft werden kann.

Diese Mechanismen erklären, warum Earned Media ein so potenter Baustein für Ihr narratives Kapital ist. Jede positive, unabhängige Berichterstattung ist eine Einzahlung auf Ihr Glaubwürdigkeitskonto. In einer Krise ist dieses Konto Ihre wichtigste Währung.

Das folgende Tableau fasst die entscheidenden Unterschiede zusammen:

Earned vs. Paid Media: Glaubwürdigkeitsfaktoren
Kriterium Earned Media (Artikel) Paid Media (Anzeige)
Glaubwürdigkeit Hoch – redaktioneller Filter Niedrig – offensichtliche Verkaufsabsicht
Third-Party Credibility Vorhanden Nicht vorhanden
Signaling Cost Hoch (nicht-monetär) Niedrig (nur monetär)
Halo-Effekt des Mediums Stark ausgeprägt Nicht vorhanden
Mentale Barrieren beim Leser Niedrig Hoch

Wie machen Sie Ihren Chef zur Marke auf LinkedIn, ohne dass es peinlich wirkt?

Ein CEO, der auf LinkedIn nur Unternehmensnachrichten teilt oder sich in Marketingsprache verliert, wirkt schnell unauthentisch und im schlimmsten Fall peinlich. Der Schlüssel zum erfolgreichen Personal Branding für Führungskräfte liegt nicht darin, einen weiteren Werbekanal zu schaffen, sondern eine Plattform für Thought Leadership zu etablieren. Es geht darum, vom reinen Sender zum respektierten Meinungsführer zu werden. Die Zahlen sprechen für sich: Laut einer Befragung von Edelman und LinkedIn vertrauen 73 % der Entscheider Thought Leadership nachweislich mehr als klassischem Marketing.

Der Wandel gelingt durch einen strategischen Perspektivwechsel: Statt über das Unternehmen zu sprechen, spricht der CEO über die Themen hinter dem Unternehmen. Ein CEO eines Logistikunternehmens schreibt nicht über seine neuen Lagerhallen, sondern über die Zukunft der Lieferketten, die Auswirkungen von KI auf die Logistik oder die Herausforderungen der urbanen Paketzustellung. Er oder sie teilt eine Vision, eine fundierte Meinung und regt zur Diskussion an. Dies positioniert die Führungskraft als Vordenker der Branche und das Unternehmen als kompetenten Akteur.

CEO beim strategischen Content-Planning für LinkedIn

Um Peinlichkeiten zu vermeiden, muss die Strategie auf Authentizität und Relevanz basieren. Ghostwriting ist legitim, aber es muss auf echten Gesprächen und den tatsächlichen Überzeugungen des CEOs basieren. Der Tonfall, die Wortwahl und die Perspektiven müssen die Persönlichkeit der Führungskraft widerspiegeln. Ein guter Ansatz ist die 80/20-Regel: 80 % der Inhalte sollten branchenrelevante Einblicke, Meinungen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen sein. Nur 20 % dürfen sich direkt auf das eigene Unternehmen beziehen – idealerweise in Form von Storytelling über Projekte oder Mitarbeitererfolge, nicht als plumpe Werbung.

Diese Investition in das narrative Kapital des CEOs zahlt sich doppelt aus. Zum einen stärkt sie die Marke, denn Studien zeigen, dass Unternehmen, deren CEO aktiv auf LinkedIn ist, eine höhere Markenbekanntheit haben. Zum anderen wird der CEO zu einem Magneten für Top-Talente. Ein starkes, authentisches Profil ist ein entscheidender Faktor im „War for Talents“. So wird der LinkedIn-Kanal des Chefs von einer potenziellen Peinlichkeit zu einem mächtigen strategischen Asset.

Wie machen Sie Ihre Mitarbeiter zu den glaubwürdigsten Botschaftern Ihrer Marke?

Die glaubwürdigsten Stimmen in einer Krise kommen oft nicht aus der Pressestelle, sondern aus dem Inneren des Unternehmens. Mitarbeiter, die authentisch und positiv über ihren Arbeitgeber sprechen, haben eine enorme Überzeugungskraft. Sie bieten einen ungefilterten Einblick in die Unternehmenskultur und ihre Aussagen werden als ehrlicher und vertrauenswürdiger wahrgenommen als jede offizielle Pressemitteilung. Dieses Potenzial zu heben, ist ein zentraler Baustein beim Aufbau von narrativem Kapital. Eine aktuelle Studie zeigt, dass 77 % der Jobbewerber den CEO eines Unternehmens auf LinkedIn recherchieren; dasselbe gilt zunehmend für die Stimmen der Mitarbeiter.

Der Versuch, Mitarbeiter zu zwingen oder mit starren Regeln zu gängeln, ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Zwang erzeugt keine Authentizität. Der Schlüssel liegt in einem Ambassador Playbook statt einem starren Regelwerk. Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, der Freiwilligkeit fördert und Unterstützung bietet, anstatt Vorschriften zu machen. Das Ziel ist es, interne Champions zu identifizieren und zu befähigen, nicht, die gesamte Belegschaft zu instrumentalisieren.

Ein solches Programm basiert auf mehreren Säulen:

  • Opt-in-Prinzip: Das Programm muss absolut freiwillig sein. Suchen Sie nach Mitarbeitern, die bereits eine Affinität zu Social Media haben und von Natur aus positiv eingestellt sind.
  • Content-Bausteine bereitstellen: Statt fertiger Posts, die nur kopiert werden, sollten Sie validierte Informationen, interessante Projektdetails, hochwertige Bilder und Story-Templates zur Verfügung stellen. Dies gibt den Mitarbeitern eine Grundlage, auf der sie ihre eigenen, authentischen Geschichten erzählen können.
  • Schulung und Befähigung: Bieten Sie Trainings an – nicht nur zur Nutzung von Plattformen wie LinkedIn, sondern auch zum Umgang mit kritischen Fragen oder negativen Kommentaren. Dies gibt Sicherheit und professionalisiert den Auftritt.
  • Sichtbare Anerkennung: Würdigen und feiern Sie die Erfolge Ihrer Botschafter intern. Zeigen Sie auf, welchen positiven Einfluss ihr Engagement hat. Dies motiviert und zieht weitere Freiwillige an.

Unternehmen wie BMW Schweiz haben bereits erfolgreich Corporate-Influencer-Programme etabliert und gezeigt, dass dieser Ansatz funktioniert. Indem Sie Ihre Mitarbeiter zu Verbündeten machen, schaffen Sie ein starkes, dezentrales Netzwerk an Glaubwürdigkeit. In einer Krise sind diese authentischen Stimmen oft lauter und überzeugender als die offizielle Unternehmenskommunikation.

Wie etabliert man eine „One Voice Policy“ bei dezentralen Teams ohne Mikromanagement?

Die Forderung nach einer „One Voice Policy“ wird in Krisen oft reflexartig erhoben. Die Angst vor widersprüchlichen Aussagen, die das Chaos nur vergrössern, ist berechtigt. Doch in modernen, dezentralen Organisationen führt der Versuch, jeden Kommunikator per Mikromanagement auf eine exakte Sprachregelung zu trimmen, unweigerlich ins Verderben. Es ist langsam, unflexibel und zerstört die Authentizität, die, wie wir gesehen haben, entscheidend ist. Die Lösung liegt in der Unterscheidung zwischen einer „One Message Policy“ und einer echten „One Voice Policy“.

Eine „One Message Policy“ versucht, allen Beteiligten exakt dieselben Worte in den Mund zu legen. Das ist Mikromanagement. Eine „One Voice Policy“ hingegen sorgt dafür, dass alle mit einer Stimme sprechen, aber nicht notwendigerweise mit den gleichen Worten. Es geht um die Konsistenz der Fakten, des Tons und der Werte, nicht um die Uniformität des Wortlauts. Experten für Krisenkommunikation betonen, dass diese konsistente Aussendarstellung über alle Ebenen und Kanäle hinweg gewährleistet sein muss, um Glaubwürdigkeit zu sichern.

Visualisierung vernetzter Teams in koordinierter Kommunikation

Die Etablierung einer solchen Policy ohne Mikromanagement erfordert einen klaren, zentralen Rahmen und dezentrale Autonomie in der Ausführung. Dies gelingt durch folgende Instrumente:

  1. Das zentrale „Source of Truth“-Dokument: Richten Sie einen einzigen, leicht zugänglichen Ort (z. B. im Intranet) ein, der die validierten Kernfakten, die offiziellen Zahlen, die übergeordnete Positionierung und die wichtigsten zu vermeidenden Falschaussagen enthält. Dieses Dokument ist die einzige Wahrheit, auf die sich alle beziehen.
  2. Klare rote Linien definieren: Anstatt vorzuschreiben, was gesagt werden soll, definieren Sie klar, was NICHT gesagt werden darf. Das betrifft spekulative Aussagen, unbestätigte Informationen, rechtlich heikle Themen oder die Nennung von Namen.
  3. Prinzipien- statt Regelbasiertes Training: Schulen Sie Ihre Sprecher (inklusive der Mitarbeiterbotschafter) nicht auf auswendig gelernte Sätze, sondern auf die zugrundeliegenden Kommunikationsprinzipien: Empathie zeigen, bei den Fakten bleiben, keine Schuldzuweisungen, auf die zentrale „Source of Truth“ verweisen.

Dieser Ansatz gibt den einzelnen Kommunikatoren die Flexibilität, authentisch und situationsgerecht zu agieren, während gleichzeitig die strategische Kohärenz der Gesamtaussage gewahrt bleibt. Es ist das organisatorische Rückgrat, das es Ihnen erlaubt, Ihr narratives Kapital effektiv einzusetzen, wenn es darauf ankommt.

Wie reagieren Sie auf einen Shitstorm, bevor er Ihren Aktienkurs drückt?

Die effektivste Reaktion auf einen Shitstorm beginnt Monate oder sogar Jahre, bevor er überhaupt ausbricht. Wer erst handelt, wenn die negativen Kommentare im Minutentakt eintreffen, ist bereits zu spät. Die moderne Krisenkommunikation setzt auf ein proaktives Konzept, das man als „narrative Impfung“ bezeichnen kann. Die Idee ist, das Informations-Ökosystem rund um Ihre Marke präventiv mit positiven, faktenbasierten und glaubwürdigen Inhalten zu „impfen“, sodass Falschinformationen und Angriffe auf weniger fruchtbaren Boden fallen.

Dies bedeutet, systematisch die Themen zu identifizieren, die für Ihr Unternehmen potenziell kritisch werden könnten (Issues Management). Das können Aspekte der Nachhaltigkeit, Arbeitsbedingungen, Datensicherheit oder Produktqualität sein. Anstatt zu hoffen, dass diese Themen nie aufkommen, besetzen Sie sie proaktiv. Veröffentlichen Sie regelmässig und langfristig transparente Berichte, detaillierte Blogartikel, Fallstudien und Datenpunkte zu genau diesen Themen. Bauen Sie eine positive Content-Firewall auf.

Wenn dann eine Krise zu einem dieser Themen ausbricht, kämpfen Sie nicht auf leerem Feld. Eine Google-Suche nach Ihrem Unternehmen und dem Krisenthema wird nicht nur die Anschuldigungen, sondern auch Ihr über Monate aufgebautes Arsenal an Fakten und positiven Geschichten zutage fördern. Sie besitzen bereits ein Gegengewicht. Dies verlangsamt die Ausbreitung von Falschinformationen und gibt Ihnen den entscheidenden Zeitvorteil, um eine fundierte Reaktion vorzubereiten. Es ist der Unterschied zwischen einem ungeschützten System, das von einem Virus voll erwischt wird, und einem geimpften System, das eine starke Immunantwort besitzt.

Diese Vorgehensweise ist das Kernstück des Aufbaus von narrativem Kapital. Es ist eine strategische Investition in die Resilienz Ihrer Reputation, die sich im Ernstfall um ein Vielfaches auszahlt.

Ihre Checkliste für die Narrative Impfung

  1. Issues Management etablieren: Identifizieren und listen Sie systematisch alle potenziellen Konfliktthemen auf, die Ihr Unternehmen betreffen könnten (z.B. Lieferketten, Umwelt, Personalpolitik).
  2. Content-Firewall aufbauen: Erstellen Sie einen Redaktionsplan, um zu diesen identifizierten Themen regelmässig faktenbasierte und positive Inhalte (Blogartikel, Whitepaper, Videos) zu publizieren.
  3. Sentiment-Analyse nutzen: Implementieren Sie KI-gestützte Tools, um schwache Signale und negative Stimmungsverschiebungen in sozialen Medien und Foren in Echtzeit zu erkennen, bevor sie eskalieren.
  4. Eskalationsprotokoll definieren: Legen Sie einen klaren Prozess fest, wer bei welchen Signalstärken alarmiert wird (PR, Recht, Finanzen, Geschäftsführung), um eine koordinierte und schnelle interne Reaktion zu gewährleisten.
  5. Google-Ranking optimieren (SEO): Optimieren Sie Ihre proaktiven Inhalte gezielt für potenzielle Krisensuchbegriffe, um sicherzustellen, dass Ihre positive Darstellung auf der ersten Seite der Suchergebnisse erscheint.

Selbst die beste Vorbereitung kann eine akute Krise nicht immer verhindern. Dann kommt es auf die richtigen Entscheidungen in den ersten kritischen Stunden an.

Löschen, ignorieren oder antworten: Die richtige Taktik in den ersten 4 Stunden

Wenn trotz aller Vorbereitung eine Krise akut wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Die ersten vier Stunden sind entscheidend, denn in diesem Zeitfenster etabliert sich oft die erste, dominante Erzählung in der Öffentlichkeit. Die Frage, ob man einen negativen Beitrag löschen, ignorieren oder darauf antworten soll, ist eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen. Eine pauschale Antwort gibt es nicht; die richtige Taktik hängt von einer schnellen und präzisen Analyse der Situation ab.

Die Entscheidung lässt sich anhand von drei Faktoren treffen: dem Bedrohungspotenzial (rechtliche Risiken, Reputationsschaden), der Zielgruppe (ist die Kritik für Ihre Kernkunden relevant?) und der viralen Reichweite des ursprünglichen Beitrags. Daraus leiten sich folgende Grundregeln ab:

  • Löschen: Diese Option sollte extrem restriktiv gehandhabt werden. Sie ist nur bei eindeutig rechtswidrigen Inhalten wie Hassrede, Verleumdung, Doxing oder bei Spam legitim. Das Löschen von berechtigter, wenn auch scharfer Kritik, wirkt wie ein Schuldeingeständnis und führt fast immer zu einem Streisand-Effekt, der die Situation verschlimmert.
  • Ignorieren: Dies ist die beste Taktik bei eindeutigen Trollen ohne nennenswerte Followerschaft, deren einziges Ziel die Provokation ist. Jede Reaktion würde ihnen nur die gewünschte Bühne geben. Ebenso kann das Ignorieren sinnvoll sein, wenn ein Thema für Ihre Kernzielgruppe keinerlei Relevanz hat und die Diskussion in einer Nischen-Bubble stattfindet.
  • Antworten: Bei berechtigter Kritik von echten Kunden oder Personen mit relevanter Reichweite ist eine Reaktion fast immer notwendig. Bei hoher Bedrohung und Viralität muss innerhalb der ersten Stunde eine erste „Puffer-Antwort“ erfolgen. Diese muss keine fertige Lösung präsentieren, aber sie muss signalisieren: „Wir haben es gesehen, wir nehmen es ernst und wir kümmern uns darum.“ Dies kauft wertvolle Zeit für eine fundierte Stellungnahme.

Fallstudie: Pepsi-Krise 1993 – Offensive als Erfolgsrezept

Als 1993 der Vorwurf aufkam, in Pepsi-Dosen seien Spritzen und Nadeln gefunden worden, wartete der Konzern nicht ab. Statt zu ignorieren oder nur vage zu kommentieren, ging Pepsi in die Offensive. Innerhalb kürzester Zeit veröffentlichte das Unternehmen Videos aus seinen Abfüllanlagen, die zeigten, dass es technisch unmöglich war, Objekte während des Prozesses in die Dosen zu schleusen. Durch diese radikale Transparenz und eine aktive, selbstbewusste Kommunikation mit den Medien konnte Pepsi die Manipulationsvorwürfe schnell entkräften und die Kontrolle über die Erzählung zurückgewinnen. Dies gilt bis heute als Musterbeispiel für gelungene Krisenkommunikation.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontrolle wird proaktiv durch den Aufbau von „Narrativem Kapital“ erreicht, nicht durch reaktive Verteidigung.
  • Glaubwürdigkeit von Earned Media (redaktionelle Artikel) ist ungleich höher als die von Paid Media (Anzeigen).
  • Authentische Mitarbeiterbotschafter und ein als Vordenker agierender CEO sind Ihre wertvollsten Kommunikations-Assets in der Krise.

Der Satz „Kein Kommentar“, der Sie in den Medien sofort schuldig aussehen lässt

Es ist der vielleicht verführerischste und zugleich gefährlichste Satz im Arsenal eines Pressesprechers: „Kein Kommentar.“ In der Hektik einer aufkommenden Krise, wenn die Fakten unklar sind und der Druck von Journalisten steigt, scheint er eine sichere Ausflucht zu sein. Er ist das genaue Gegenteil. In der öffentlichen Wahrnehmung ist „Kein Kommentar“ keine neutrale Aussage der Zurückhaltung, sondern ein quasi-juristisches Schuldeingeständnis. Es erzeugt ein Informationsvakuum, das von den Medien und Kritikern sofort mit den schlimmstmöglichen Spekulationen gefüllt wird. Sie verlieren augenblicklich die Kontrolle über die Erzählung.

Die Psychologie dahinter ist simpel: Menschen neigen dazu, Lücken mit negativen Annahmen zu füllen (Negativitätsbias). Ein „Kein Kommentar“ signalisiert, dass es etwas zu verbergen gibt. Es wirkt arrogant, abweisend und lässt jedes Verständnis für die Besorgnis der Öffentlichkeit vermissen. Anstatt Zeit zu kaufen, heizt dieser Satz die Krise nur weiter an. Die Grundsätze der Krisenkommunikation, wie sie etwa von der IHK München formuliert werden, betonen Schnelligkeit, Glaubwürdigkeit und Konsistenz – „Kein Kommentar“ verletzt alle drei Prinzipien.

Die gute Nachricht ist: Sie müssen nicht jede Frage sofort vollständig beantworten. Es gibt eine Reihe von professionellen Bridging-Techniken und alternativen Formulierungen, die Ihnen den nötigen Handlungsspielraum verschaffen, ohne die Tür zur Kommunikation zuzuschlagen. Diese Formulierungen zeigen, dass Sie die Kontrolle behalten, proaktiv handeln und die Situation ernst nehmen.

Anstatt auf „Kein Kommentar“ zurückzugreifen, nutzen Sie diese strategischen Alternativen:

  • Aktive Prüfung signalisieren: „Wir nehmen die Angelegenheit sehr ernst und prüfen die Situation mit grösster Sorgfalt. Wir werden Sie informieren, sobald wir ein klares Bild haben.“
  • Zeitlichen Rahmen setzen: „Für eine fundierte Antwort benötigen wir noch etwas Zeit, um alle Fakten zu sammeln. Wir werden uns bis [Dienstag, 14:00 Uhr] mit einer umfassenden Stellungnahme an Sie wenden.“
  • Bridging-Technik anwenden: „Zu den spezifischen Details von X kann ich im Moment noch nichts sagen. Was ich Ihnen aber versichern kann, ist, dass die Sicherheit unserer Kunden für uns oberste Priorität hat und wir alle notwendigen Schritte einleiten.“
  • Transparenz über Informationslage: „Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns noch nicht alle relevanten Informationen vor. Sobald wir mehr wissen, werden wir dies proaktiv kommunizieren.“

Diese Sätze entwaffnen den unmittelbaren Druck, ohne Sie auf eine Position festzulegen, die Sie später bereuen könnten. Sie sind das Kennzeichen eines souveränen, medienkompetenten PR-Managements.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihr narratives Kapital systematisch aufzubauen. Analysieren Sie Ihre potenziellen Risikothemen, befähigen Sie Ihre internen Botschafter und positionieren Sie Ihre Führungskräfte als Vordenker. So sind Sie für die Stürme von morgen gewappnet und behalten die Kontrolle, wenn es darauf ankommt.

Geschrieben von Elke Vonberg, Senior Organisationsentwicklerin und Expertin für Change Management mit Fokus auf die Überwindung von Silodenken und interner Kommunikation. Sie verfügt über 15 Jahre Erfahrung in der Begleitung von mittelständischen Unternehmen durch komplexe Transformationsprozesse und kulturellen Wandel.