
Wahre Resilienz in der Lieferkette ist keine Frage des Lagerbestands, sondern der finanziellen Weitsicht.
- Externe Schocks sind nicht nur logistische, sondern vor allem finanzielle Risiken, die den Cash Conversion Cycle direkt angreifen.
- Statt auf starre Best-Case-/Worst-Case-Pläne zu setzen, erfordert die moderne Volatilität eine probabilistische Sensitivitätsanalyse.
Empfehlung: Analysieren Sie Ihren Cash Conversion Cycle als primären Indikator für Ihre Widerstandsfähigkeit, bevor Sie operative Massnahmen ergreifen.
Die Erinnerungen an leere Regale, Produktionsstillstände und explodierende Frachtraten sind noch frisch. Jeder Supply Chain Manager und COO hat gelernt, dass eine Störung an einem Ende der Welt innerhalb von Tagen den eigenen Betrieb lahmlegen kann. Die instinktive Reaktion darauf ist oft ein Ruf nach mehr Diversifizierung der Lieferanten oder dem Aufbau massiver Pufferlager. Diese Massnahmen sind zwar verständlich, greifen aber zu kurz. Sie behandeln die Symptome – die logistische Unterbrechung –, ignorieren aber die eigentliche Krankheit: die finanzielle Anfälligkeit des Unternehmens gegenüber Volatilität.
Ein präventiver Ansatz begreift Resilienz nicht als rein operatives, sondern als finanzstrategisches Thema. Jede Entscheidung, vom Lagerbestand über die Lieferantenauswahl bis zur Preisgestaltung, ist im Kern eine finanzielle Wette – eine Art Versicherungspolice gegen zukünftige Unsicherheit. Die Frage lautet nicht mehr nur: „Wie stellen wir die Versorgung sicher?“, sondern: „Welche ‚Versicherungsprämie‘ in Form von Lagerkosten oder höheren Einkaufspreisen sind wir bereit zu zahlen, um uns vor einem spezifischen Schadensfall, wie einem Produktionsausfall von X Tagen, zu schützen?“ Dieser Paradigmenwechsel verlangt, dass wir Risiken nicht nur identifizieren, sondern sie finanziell bewerten und unsere Strategien entsprechend kalibrieren.
Dieser Artikel führt Sie durch einen solchen finanzorientierten Risikomanagement-Prozess. Wir werden operative Hebel nicht isoliert betrachten, sondern sie konsequent als Instrumente zur Steuerung des finanziellen Risikos analysieren. Von der globalen Risikobewertung bis zur Steuerung der Liquidität zeigen wir Ihnen, wie Sie eine robuste Szenario-Planung aufbauen, die Ihr Unternehmen nicht nur durch den nächsten Schock bringt, sondern es gestärkt daraus hervorgehen lässt.
Um diese komplexen Zusammenhänge strukturiert anzugehen, beleuchtet der folgende Leitfaden die entscheidenden Fragen und strategischen Antworten für ein widerstandsfähiges Lieferkettenmanagement.
Inhaltsverzeichnis: Strategien zur präventiven Absicherung Ihrer Lieferkette
- Warum betrifft ein Konflikt in Asien Ihren lokalen Materialeinkauf direkt?
- Wie entwickeln Sie einen Notfallplan für eine Inflation von über 10 %?
- Pufferlager oder JIT: Was ist in volatilen Zeiten die günstigere Versicherung?
- Der Prognosefehler, der Unternehmen in der Krise die Liquidität raubt
- Wie dynamisieren Sie Ihre Preise, ohne Kunden langfristig zu vergraulen?
- Just-in-Time oder Puffer: Wie finden Sie die Balance bei brüchigen Lieferketten?
- Best-Case vs. Worst-Case: Warum Ihr Investitionsplan ohne Sensitivitätsanalyse wertlos ist
- Wie verhindern Sie einen Liquiditätsengpass, obwohl Ihre Auftragsbücher voll sind?
Warum betrifft ein Konflikt in Asien Ihren lokalen Materialeinkauf direkt?
Der Schmetterlingseffekt ist in globalen Lieferketten kein theoretisches Konzept, sondern betriebliche Realität. Ein regionaler Konflikt, eine Naturkatastrophe oder eine politische Entscheidung in Asien kann die Verfügbarkeit eines scheinbar unbedeutenden Vorprodukts beeinträchtigen, das von Ihrem direkten Lieferanten (Tier 1) benötigt wird. Diese Abhängigkeiten bleiben oft unsichtbar, bis es zu spät ist. Die Annahme, ein lokaler Lieferant schütze vor globalen Risiken, ist ein gefährlicher Trugschluss. Die eigentliche Frage ist nicht, *ob* Sie betroffen sind, sondern wie tief die Abhängigkeit in Ihrer mehrstufigen Lieferkette (Tier 2, Tier 3 und darüber hinaus) verankert ist.
Die deutsche Industrie ist hier besonders exponiert. Laut der Supply Chain Pulse Check Analyse von Deloitte steht sie beim Zugang zu Rohstoffen und Vorprodukten unter starkem Druck, was die Verwundbarkeit durch geopolitische Ereignisse unterstreicht. Um diese abstrakte Gefahr greifbar zu machen, ist eine systematische Risikokartierung unerlässlich. Es geht darum, Transparenz über die gesamte Kette zu schaffen und nicht nur bis zum direkten Vertragspartner zu blicken. Nur wer die geografischen Konzentrationen seiner Vor-Vorlieferanten kennt, kann die realen Risiken bewerten und gezielte Gegenmassnahmen wie die Qualifizierung alternativer Quellen oder die strategische Bevorratung kritischer Komponenten einleiten.
Checkliste zur Erstellung einer mehrstufigen Risikokarte
- Tier-1-Lieferanten identifizieren: Listen Sie alle direkten Lieferanten und deren kritische Komponenten vollständig auf.
- Sub-Lieferanten kartieren: Ermitteln Sie die Zulieferer Ihrer Lieferanten (Tier 2 und 3), mit besonderem Fokus auf Materialien aus einer einzigen Quelle (Single-Source).
- Georisiken bewerten: Analysieren Sie geografische Konzentrationen in Ihrer erweiterten Lieferkette und bewerten Sie diese anhand politischer oder naturbedingter Risikozonen.
- Standortrisiken quantifizieren: Nutzen Sie anerkannte Indizes wie den FM Global Resilience Index zur standortabhängigen, datengestützten Risikoanalyse für kritische Knotenpunkte.
- Szenarien entwickeln: Erarbeiten Sie alternative Szenarien für jeden kritischen Lieferanten und definieren Sie eine Time-to-Recover (TTR) Metrik für jeden potenziellen Ausfall.
Die Erstellung einer solchen Risikolandkarte ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der die Grundlage für eine proaktive und widerstandsfähige Lieferkettensteuerung bildet.
Wie entwickeln Sie einen Notfallplan für eine Inflation von über 10 %?
Eine hohe Inflation ist mehr als nur ein Preisanstieg; sie ist ein stiller Erodierer des Betriebskapitals. Während die Umsätze nominal steigen mögen, frisst die Inflation die Margen auf und erhöht den Finanzierungsbedarf für Lagerbestände und Forderungen drastisch. Eine Umfrage von TrueCommerce unter 150 Führungskräften bestätigt diesen Druck: 45% der Unternehmen sehen Preisentwicklung und Inflation als einen der wesentlichen Störfaktoren für ihre Lieferketten. Ein Notfallplan darf sich daher nicht auf simple Preisanpassungen beschränken, sondern muss das Working Capital Management in den Mittelpunkt stellen.
Der Schlüssel zur finanziellen Stabilität in einem inflationären Umfeld liegt in der Optimierung des Cash Conversion Cycle (CCC). Das ist die Zeitspanne, die zwischen der Bezahlung Ihrer Lieferanten und dem Zahlungseingang Ihrer Kunden vergeht. Je länger dieser Zyklus, desto mehr Kapital ist gebunden und desto stärker schlägt die Inflation zu. Eine Studie von MetLife und der U.S. Chamber of Commerce zeigte, dass 85 % der Kleinunternehmer über Inflation besorgt sind. Als Reaktion darauf haben viele nicht nur die Preise erhöht, sondern auch ihren CCC optimiert. Durch die Beschleunigung von Kundenzahlungen und die strategische Nutzung von Lieferantenzahlungszielen können Unternehmen Liquidität freisetzen, um Rohstoffe zu aktuellen Preisen zu sichern, bevor weitere Kostensteigerungen eintreten.

Wie die Visualisierung andeutet, geht es um die feine Balance zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Ein Notfallplan für Hyperinflation ist somit primär ein Plan zur aggressiven Steuerung des Cashflows. Er umfasst Massnahmen wie die Einführung dynamischer Skonti für schnelle Zahler, die Neuverhandlung von Zahlungszielen mit Lieferanten und eine auf den CCC ausgerichtete Bestandsstrategie. Es ist eine finanzielle Verteidigungslinie, die weit vor der reinen Preisdiskussion mit dem Kunden beginnt.
Letztendlich sichert ein optimierter Cash Conversion Cycle nicht nur die Liquidität, sondern schafft auch den strategischen Spielraum, um auf volatile Märkte flexibel reagieren zu können.
Pufferlager oder JIT: Was ist in volatilen Zeiten die günstigere Versicherung?
Die Debatte zwischen schlanken Just-in-Time (JIT)-Systemen und kostspieligen Pufferlagern wird in Krisenzeiten ideologisch geführt. Doch aus einer reinen Risikoanalyse-Perspektive ist die Antwort einfach: Beide sind Versicherungspolicen mit unterschiedlichen Prämien und Deckungssummen. JIT ist eine Niedrigprämien-Police, die bei stabilen Bedingungen (geringes Schadensrisiko) enorme Effizienzgewinne bringt, aber im Schadensfall (Lieferausfall) keinerlei Deckung bietet. Ein Pufferlager ist hingegen eine Hochprämien-Police: Die Kosten für Kapitalbindung, Lagerung und Versicherung sind hoch, aber im Schadensfall wird die Produktion aufrechterhalten und ein teurer Stillstand vermieden.
Die Frage ist also nicht, welche Strategie prinzipiell besser ist, sondern welche „Versicherung“ für welche Komponente und welches Risiko angemessen ist. Für standardisierte C-Teile mit vielen alternativen Lieferanten mag JIT weiterhin sinnvoll sein. Für kritische A-Teile aus einer Single-Source-Beziehung in einer politisch instabilen Region wäre der Verzicht auf ein Pufferlager hingegen grob fahrlässig. Die Kunst besteht darin, ein Hybridmodell zu entwickeln, das den Risiko-Appetit des Unternehmens widerspiegelt und die Kosten der Versicherung (Lagerhaltung) gegen die potenziellen Kosten eines Ausfalls (Produktionsstillstand, Vertragsstrafen) abwägt.
Die folgende Tabelle stellt die Charakteristika der Strategien gegenüber, um die Entscheidungsgrundlage zu objektivieren:
| Kriterium | Pufferlager-Strategie | Just-in-Time | Hybridmodell |
|---|---|---|---|
| Kapitalbindung | Hoch (Lagerkosten, Versicherung) | Niedrig | Mittel (nur für kritische Teile) |
| Reaktionszeit bei Störungen | Sehr schnell | Sehr langsam | Schnell für kritische Komponenten |
| Flexibilität | Niedrig | Hoch bei stabilen Lieferketten | Optimal ausbalanciert |
| Risiko bei Lieferausfall | Gering | Sehr hoch | Kontrolliert |
| Eignung bei Volatilität | Hoch | Sehr niedrig | Hoch |
In der Lieferkrise haben SCM und Einkauf gelernt, mit dieser Balance besser umzugehen, Volumina zu verteilen, alternative Lieferquellen zu erschliessen, Zwischenläger aufzubauen, um schneller reagieren zu können. Resilienz ist kein Kurzfrist-Thema und erfordert im Zweifelsfall auch Investitionen, die sich erst in der Krise bezahlt machen.
– Anna Schmidt, Beschaffung Aktuell Interview zur Supply Chain Resilienz
Die Entscheidung für oder gegen ein Pufferlager sollte daher niemals pauschal, sondern immer auf Basis einer differenzierten, risikobasierten Analyse für spezifische Materialgruppen getroffen werden.
Der Prognosefehler, der Unternehmen in der Krise die Liquidität raubt
Traditionelle Nachfrageprognosen basieren oft auf historischen Daten und liefern eine einzige Zahl als Ergebnis – eine Punktprognose. In stabilen Zeiten mag das funktionieren. In volatilen Märkten ist dieser Ansatz jedoch eine der grössten Gefahren für die Liquidität. Eine zu optimistische Prognose führt zu Überbeständen, die Kapital binden und Lagerkosten verursachen. Eine zu pessimistische Prognose führt zu Lieferengpässen, Umsatzeinbussen und unzufriedenen Kunden. Beide Szenarien sind eine direkte Folge des Bullwhip-Effekts: Kleine Schwankungen in der Endkundennachfrage schaukeln sich entlang der Lieferkette zu massiven Ausschlägen auf, was zu ineffizienten Beständen und hohen Kosten führt.
Dieser Prognosefehler hat direkte finanzielle Konsequenzen. Eine Analyse der Hackett Group zeigt, dass der Cash Conversion Cycle auf 37,7 Tage in 2023 stieg, von 36,4 Tagen im Vorjahr. Jeder zusätzliche Tag, den das Geld im System gebunden ist, reduziert die Liquidität und erhöht die Anfälligkeit für Schocks. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist der Wechsel von deterministischen Punktprognosen zu probabilistischen Intervallprognosen. Anstatt zu fragen: „Wie viele Einheiten werden wir verkaufen?“, lautet die Frage: „In welcher Bandbreite wird sich unser Absatz mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % bewegen?“

Die Visualisierung des Bullwhip-Effekts zeigt, wie sich Nachfrageschwankungen verstärken. Intervallprognosen, die durch Methoden wie Monte-Carlo-Simulationen erzeugt werden, machen diese Unsicherheit sichtbar und quantifizierbar. Sie ermöglichen es dem Management, nicht nur einen Plan, sondern eine Reihe von Plänen für verschiedene Szenarien zu entwickeln und den Lagerbestand so zu dimensionieren, dass er ein definiertes Service-Level mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit abdeckt. Dies wandelt die Prognose von einer reinen Schätzung in ein aktives Risikomanagement-Instrument um.
Die Implementierung von Intervallprognosen ist keine rein technische, sondern eine kulturelle Veränderung: Sie erfordert die Akzeptanz, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist, aber ihre Wahrscheinlichkeiten gemanagt werden können.
Wie dynamisieren Sie Ihre Preise, ohne Kunden langfristig zu vergraulen?
In Zeiten stark schwankender Rohstoff- und Transportkosten stehen Unternehmen vor einem Dilemma: Geben sie die Kostensteigerungen nicht weiter, erodieren die Margen. Geben sie sie ungeschickt weiter, riskieren sie, langjährige Kundenbeziehungen zu beschädigen. Pauschale Preiserhöhungen mit vagen Begründungen führen zu Misstrauen und regen Kunden an, nach Alternativen zu suchen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Preisstrategie in volatilen Zeiten liegt in Transparenz und Differenzierung.
Eine transparente Methode ist die Kopplung von Preisen an externe, nachvollziehbare Indizes. Anstatt eine willkürliche Erhöhung von 5 % anzukündigen, kann ein Unternehmen seine Preisanpassung an die Entwicklung eines spezifischen Rohstoffindex oder an externe Kosten wie Zölle binden. So stieg laut Allianz Trade der Anteil deutscher Exporte, der von neuen Zollmassnahmen betroffen ist, signifikant an. Eine solche externe Kostenentwicklung kann als transparente Grundlage für indexbasierte Preisanpassungen dienen, die für den Kunden nachvollziehbar sind. Dies verlagert die Diskussion von einer Konfrontation („Warum erhöhen Sie die Preise?“) zu einer partnerschaftlichen Anerkennung der Marktgegebenheiten („Wie gehen wir gemeinsam mit dieser Marktentwicklung um?“).
Eine zweite, ebenso wichtige Strategie ist die Differenzierung von Preisen über unterschiedliche Service-Level. Nicht jeder Kunde hat die gleichen Bedürfnisse. Einige benötigen eine 100%ige Liefergarantie und sind bereit, dafür einen Preisaufschlag zu zahlen. Andere sind preissensibler und können mit längeren Lieferzeiten oder geringerer Verfügbarkeit leben. Durch die Schaffung gestaffelter Service-Pakete können Unternehmen die Zahlungsbereitschaft verschiedener Kundensegmente gezielt abschöpfen.
| Service-Level | Preismodell | Liefergarantie | Zielkundensegment |
|---|---|---|---|
| Premium | Fixpreis für 6 Monate | 100% Liefergarantie | Kritische Produktionsprozesse |
| Standard | Quartalsweise Anpassung | 95% Verfügbarkeit | Regelbedarf |
| Eco | Monatliche Marktpreise | Best-Effort | Preissensitive Kunden |
Diese Kombination aus Transparenz und Flexibilität verwandelt die Preisgestaltung von einer reaktiven Notwendigkeit in ein proaktives Instrument zur Steuerung von Marge und Kundenbindung.
Just-in-Time oder Puffer: Wie finden Sie die Balance bei brüchigen Lieferketten?
Die Pandemie hat das Dogma des reinen Just-in-Time-Prinzips erschüttert. Die Reaktion vieler Unternehmen war eine reflexartige Erhöhung der Lagerbestände. Die BME-Logistikstudie 2024 zum Risikomanagement belegt dies eindrücklich: Über 40% der befragten Unternehmen setzten erhöhte Lagerhaltung in grossem Umfang als Massnahme zur Steigerung der Resilienz um. Doch blindes Aufstocken ist keine Strategie, sondern eine teure und ineffiziente Reaktion. Es bindet Kapital, das an anderer Stelle fehlt, und schützt möglicherweise vor den falschen Risiken. Die wahre Herausforderung besteht darin, eine intelligente Balance zu finden.
Diese Balance kann nicht durch Bauchgefühl, sondern nur durch datengestützte Metriken gefunden werden. Eine der wichtigsten Kennzahlen hierfür ist die Time-to-Recover (TTR). Die TTR misst, wie lange es dauern würde, die Versorgung mit einer kritischen Komponente nach einem Ausfall des Primärlieferanten wiederherzustellen. Diese Zeitspanne ist der entscheidende Faktor für die Dimensionierung eines Sicherheitsbestandes. Ein Pufferlager muss exakt so gross sein, dass es die Produktion während der TTR aufrechterhalten kann – nicht mehr und nicht weniger.
Das Forschungsprojekt ‚ReKriWahl‘ am IPH Hannover entwickelt genau solche Bewertungsmasse, um die Resilienz bei der Lieferantenauswahl objektivierbar zu machen. Der Ansatz versteht Resilienz als eine Kombination aus Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit. Ein Softwaredemonstrator soll dabei helfen, die benötigte Resilienz eines Unternehmens mit der vorhandenen Resilienz eines Zulieferers abzugleichen. Indem man für jede kritische Komponente die TTR ermittelt (z. B. durch Analyse alternativer Lieferanten, deren Qualifizierungszeit und Transportwege), kann man eine risikoadaptive Bestandsstrategie entwickeln. Anstatt pauschal alle Bestände zu erhöhen, werden Puffer nur dort aufgebaut, wo die TTR kritisch lang ist.
So wird der Lagerbestand von einem reinen Kostenfaktor zu einem präzise kalibrierten Risikopuffer, der die Widerstandsfähigkeit maximiert, ohne unnötig Kapital zu binden.
Best-Case vs. Worst-Case: Warum Ihr Investitionsplan ohne Sensitivitätsanalyse wertlos ist
Die traditionelle strategische Planung und Investitionsrechnung operiert oft mit drei Szenarien: Best-Case, Base-Case und Worst-Case. Dieser Ansatz ist trügerisch einfach und in der heutigen volatilen Welt gefährlich unzureichend. Er suggeriert eine falsche Präzision und ignoriert die wichtigste Frage: Wie wahrscheinlich ist jedes dieser Szenarien? Ein Worst-Case mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 1 % erfordert völlig andere Massnahmen als einer mit 30 % Wahrscheinlichkeit. Ohne eine probabilistische Bewertung ist ein Investitionsplan, der auf diesen drei Punkten basiert, im Grunde eine fundierte Vermutung – aber keine robuste Entscheidungsgrundlage.
Hier kommt die Sensitivitätsanalyse, oft umgesetzt durch Monte-Carlo-Simulationen, ins Spiel. Statt mit festen Werten für kritische Variablen wie Nachfrage, Kosten oder Lieferzeiten zu rechnen, werden diese als Wahrscheinlichkeitsverteilungen definiert. Eine Software simuliert dann tausende von möglichen Zukunftsszenarien, indem sie zufällig Werte aus diesen Verteilungen zieht. Das Ergebnis ist nicht eine einzige Zahl (wie ein erwarteter Gewinn), sondern eine Verteilung aller möglichen Ergebnisse und deren Wahrscheinlichkeiten. Dies ermöglicht es, Fragen zu beantworten wie: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Projekt einen negativen Kapitalwert hat?“ oder „Welche drei Risikotreiber haben den grössten Einfluss auf unsere Marge?“
Die Umsetzung solcher Analysen ist heute kein Privileg von Grosskonzernen mehr. Mit Excel-Add-ins wie @RISK oder integrierten Funktionen in ERP- und SCM-Systemen kann auch der Mittelstand diese leistungsstarken Werkzeuge nutzen. Eine PwC-Studie zur Zukunft der Lieferketten unterstreicht die Dringlichkeit: Gerade einmal 8% der Unternehmen sagen von sich, dass sie ihre Lieferketten bereits vollständig transformiert haben. Die Anwendung von Sensitivitätsanalysen ist ein Kernaspekt dieser Transformation und ein massiver Wettbewerbsvorteil.
Ein Investitionsplan ohne Sensitivitätsanalyse ist wie das Navigieren in einem Sturm mit einer Karte, auf der nur drei mögliche Positionen des Schiffes eingezeichnet sind – nutzlos und gefährlich.
Das Wichtigste in Kürze
- Resilienz ist eine finanzielle Disziplin, die den Cash Conversion Cycle (CCC) als zentrale Kennzahl nutzt.
- Statt auf pauschale Pufferlager zu setzen, erfordert eine moderne Strategie risikoadaptive Bestände, die auf der Time-to-Recover (TTR) basieren.
- Die Planung muss sich von starren Best-/Worst-Case-Szenarien zu probabilistischen Sensitivitätsanalysen (z.B. Monte-Carlo-Simulation) entwickeln.
Wie verhindern Sie einen Liquiditätsengpass, obwohl Ihre Auftragsbücher voll sind?
Es ist das klassische Paradoxon wachsender Unternehmen in unsicheren Zeiten: Die Auftragsbücher sind voll, die Produktion läuft auf Hochtouren, aber die Konten sind leer. Dieses Phänomen, oft als „Wachstumstod“ bezeichnet, tritt auf, wenn das Working Capital schneller aufgezehrt wird, als Einnahmen generiert werden. Jeder neue Auftrag erfordert Vorfinanzierung von Material und Produktion, während die Kundenzahlungen erst Wochen oder Monate später eintreffen. In einem inflationären Umfeld mit steigenden Kosten und gestörten Lieferketten wird dieser Effekt massiv verstärkt. Ein Liquiditätsengpass entsteht dann nicht trotz, sondern wegen der vollen Auftragsbücher.
Die Lösung liegt in der systematischen Optimierung der drei Hebel des Cash Conversion Cycle (CCC): Days Inventory Outstanding (DIO), Days Sales Outstanding (DSO) und Days Payable Outstanding (DPO). Ziel ist es, die Zeit, in der Kapital im Unternehmen gebunden ist, radikal zu verkürzen. Dies erfordert eine abteilungsübergreifende Anstrengung: Der Vertrieb muss Anreize für schnellere Kundenzahlungen schaffen (DSO senken), die Produktion und Logistik müssen die Lagerumschlagshäufigkeit erhöhen (DIO senken), und der Einkauf muss intelligente Zahlungsziele mit Lieferanten verhandeln (DPO erhöhen).
Die folgende Übersicht zeigt die konkreten Ansatzpunkte zur Optimierung dieser drei entscheidenden Kennzahlen:
| Hebel | Definition | Optimierungsansatz | Typische Verbesserung |
|---|---|---|---|
| DIO (Days Inventory Outstanding) | Durchschnittliche Lagerdauer | JIT-Systeme, bessere Nachfrageprognose | -5 bis -10 Tage |
| DSO (Days Sales Outstanding) | Durchschnittliche Zahlungsdauer Kunden | Skonto, Factoring, strikteres Mahnwesen | -7 bis -15 Tage |
| DPO (Days Payable Outstanding) | Durchschnittliche Zahlungsfrist Lieferanten | Verhandlung längerer Zahlungsziele | +10 bis +20 Tage |
Durch die konsequente Anwendung dieser Hebel stellen Sie sicher, dass Ihr Unternehmen nicht nur operativ, sondern vor allem finanziell in der Lage ist, Schocks zu absorbieren und Wachstum nachhaltig zu finanzieren.